Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg

Aufruf von Pro Quote Film

Corona und die Folgen zeigen: Wenn die Filmwelt wieder anläuft, dann nur mit Quote

Mit dem Corona-Konjunkturpaket der Bundesregierung werden 130 Milliarden Euro in die Hand genommen. Eine Menge Geld. Aber eine Entlastungszahlung für die Einkommensausfälle der Solo-Selbständigen und kurzfristig Beschäftigten ist im Corona-Konjunkturpaket nicht berücksichtigt. Sie werden im Regen stehen gelassen. Denjenigen, die das Rad der Film- und Fernsehbranche am Laufen halten, bleibt nur der Gang zur Agentur für Arbeit und ein Antrag auf Grundsicherung. Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, nennt das „Weichen auf Zukunft stellen“.
 
Völlig außer Acht lässt sie dabei die massiven Probleme der Branche mit Gleichstellung und Diversität. Die Corona-Krise verstärkt nicht nur die ohnehin prekäre Lage von vielen filmschaffenden Frauen, sie leitet auch einen Backlash ein. Die Chance, hier endlich mit einem Gender Budgeting das Ruder Richtung Zukunft rumzureißen, ist vertan, und die faire Verteilung von Chancen und Geldern rückt in weite Ferne.
 
Grundsicherung ist keine Alternative,deshalb muss das Zuschussprogramm des Bundes dringend für Solo-Selbständige und kurzfristig Beschäftigte geöffnet werden, damit sie daraus auch ihre Lebenshaltungskosten bestreiten können.
 
Endlich zukunftsgerichtet handeln heißt,nicht nur bei dem Corona-Konjunkturpaket der Bundesregierung, sondern bei allen aktuellen Maßnahmen, ein Gender Budgeting einzuführen.
 
Auch diejenigen im Blick zu haben, die durch keine Lobby vertreten werden, bedeutet alleinerziehende, kulturschaffende Solo-Selbständige mit Soforthilfemaßnahme zu unterstützen.
 
Aber auch bei Sendern und Filmförderungen sind gleichstellungspolitische Ziele drängender den je umzusetzen.
 
Pro Quote Film ist mit dem Aufruf „Es reicht“ und einer Unterschriftensammlung an die Öffentlichkeit gegangen.

Aufruf von PRO QUOTE FILM

Corona und die Folgen zeigen: Wenn die Filmwelt wieder anläuft, dann nur mit Quote.

Massive Probleme mit Gleichstellung und Diversität in der Medienbranche verstärken insbesondere die prekäre Lage von filmschaffenden Frauen. Der Lockdown und der begleitende Drehstopp haben sichtbar gemacht, wie schief die Schieflage ist und wie resistent gegen Innovation die Filmbranche. Corona hat einen Backlash eingeleitet, der nur verhindert werden kann, wenn die Verantwortlichen jetzt Maßnahmen ergreifen. 

Appelle, die darauf hinweisen, dass die aktuelle Pandemie die Medien- und Kulturbranche hart trifft und finanzielle Hilfen dringend notwendig sind, mehren sich. Gerade hier wo viele Freiberufler*innen und kurzfristig Beschäftigte arbeiten und normale Arbeitsabläufe auf lange Zeit in Frage stehen, ist die Lage besonders ernst. Die Branche erhebt ihre Stimme und weite Teile kämpfen ums Überleben. Doch was nicht zu hören ist, ist dass die Auswirkungen der Krise verstärkt diejenigen treffen, die schon vorher massiven strukturellen Benachteiligungen ausgesetzt waren: kulturschaffende Frauen und Vertreter*innen der marginalisierten Gruppen! Pro Quote Film ruft die Medienbranche dazu auf, endlich zukunftsgerichtet zu handeln und die überkommenen Strukturen hinter sich zu lassen. Dazu gehört, dass sie nicht länger vor allem von einer homogenen Gruppe von Männern vertreten wird und aus deren Perspektive deren Geschichten erzählt.

Beispiel Produktion

Obwohl seit 25 Jahren 50% der Alumni von Filmhochschulen weiblich sind, gingen 2019 lediglich 14% der Projektförderung der Filmförderungsanstalt FFA an Produzentinnen. Dabei spielen sie eine wichtige Rolle für die diverse Besetzung anderer Funktionen wie Drehbuch, Regie und Kamera, erzählen häufiger Frauenfiguren und gehen effizienter mit den Fördermitteln um: Eine Produzentin braucht 17,00 €, um eine Kinobesucherin oder einen Kinobesucher zu generieren, ein Produzent 
42,00 €. 

Die Schieflage zieht sich durch

10 % der bundesweiten Filmförderung fließen in Projekte von Regisseurinnen.
8% der fiktionalen Produktionen von ARD und ZDF werden von Kamerafrauen gedreht.
6% Drehbuchautorinnen beim Tatort 2018.
2% Kamerafrauen beim Tatort 2019.

Priorisierung erscheint einfacher als notwendiger Sachzwang

Diese massive Schieflage wirkt sich nun verstärkt aus. Gerade Frauen haben nicht die Möglichkeit Rücklagen zu bilden, Finanzeinbrüche treffen sie daher besonders, und viele werden in die Armut gedrängt. Familienfeindliche Arbeitsstrukturen, fehlende flexible Arbeitszeitmodelle für Freiberufler*innen und kurzfristig Beschäftige werden noch stärker zu einem Ausschluss derer führen, die familiäre Betreuungsaufgaben übernehmen.

Durch den Boom bei Netflix und Co rückt die Wirtschaftlichkeit noch stärker in den Vordergrund.
Das Nachsehen hat dann mit großer Wahrscheinlichkeit der künstlerische Film. Schon jetzt ist abzusehen, dass es vor allem die kleinen Firmen sind, welche die Krise wohl nicht überstehen werden - und damit die nicht so hoch budgetierten Projekte. Statistisch gesehen sind es wiederum die Frauen, die genau diese Projekte schreiben und realisieren. Aber auch sonst wird es weniger Aufträge geben. Und weniger Risikobereitschaft. Denn auch das wissen wir länger, dass die Sender und Produktionsfirmen risikoavers entscheiden, wenn die Existenz davon abhängt. Sie greifen auf bewährte Teams zurück. Und das sind in einer männerdominierten Branche vor allem Männer. Die Verteilungskämpfe werden also noch härter werden.

Schon jetzt werden ältere Menschen und andere Risikogruppen aus Filmen herausgeschrieben. Das betrifft Schauspielerinnen, die ohnehin mit zunehmenden Alter vom Bildschirm und der Leinwand verschwinden.

Wer nicht versucht das Problem zu lösen, ist Teil des Problems

Das Schweigen zur Situation der filmschaffenden Frauen zeigt, dass in der Ausnahmesituation drängende Forderungen nach fairer Verteilung von Chancen und Geldern zum Nebenwiderspruch degradiert werden. Trotz vieler brancheneigener Studien, die massive strukturelle Ungleichheiten, einen größeren Gender Pay Gap als in anderen Wirtschaftsbereichen offenlegen, fehlt es bisher am Willen der Entscheider*innen, konkrete und verpflichtende Gegenmaßnahmen zu ergreifen. 

Pro Quote Film weist nicht nur seit Jahren auf die Missstände hin, sondern hat auch die erforderlichen Maßnahmen auf den Tisch gelegt. Ohne Quoten in der Filmförderung und bei der Vergabe von Aufträgen durch öffentlich-rechtliche Sender, sowie die Einführung von Diversitätsstandards wird sich nichts ändern. Freiwillig werden Privilegien nicht abgegeben. In den vielen Gesprächsrunden zwischen Politik und Verbänden zur Novellierung  des Filmförderungsgesetzes oder der Krise des Kinofilms steht die Gleichstellung zwar auf der Tagesordnung, eine Diskussion findet aber nicht statt. „Abhaken“ lautet die stillschweigende Devise. 

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat bisher die Chance vertan, die diese Legislatur durch den Koalitionsvertrag bietet: Vorhandende strukturelle Hemmnisse abzubauen, eine ressortübergreifende Gleichstellungsstrategie zu entwickeln und mit einem Aktionsplan umzusetzen. Bisher ist von alldem nichts passiert. Welches Instrument, um diese Ziele zu erreichen, wäre besser geeignet als die aktuelle Novellierung des Filmförderungsgesetzes? Anstatt Tatsachen zu schaffen, sind die Maßnahmen, die das Eckpunktepapier der Koalition zur Novellierung vorsah, im ersten Entwurf des Gesetzes der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien BKM wieder gestrichen wurden.

Der Deutsche Kulturrat hat für die Politik eine wichtige Beratungsfunktion und versucht mit seinen Vorschlägen, die Folgen der aktuellen Einbrüche abzumildern. Aber auch dieses Gremium hat die besondere Situation der Frauen nicht im Blick und gibt ihnen keine Stimme. Weder vor der Krise noch jetzt, wo der Handlungsbedarf notwendiger ist denn je.

Fortschritt oder Rückfall?

So wichtig es ist, die großen Herausforderungen zu meistern und die ausgesetzten Dreharbeiten wieder aufzunehmen, müssen wir auch nach der Richtung fragen. Vor oder zurück? Gleichstellung von Frauen und Diversität vor und hinter der Kamera muss endlich im Förder- und Arbeitsalltag den Stellenwert einnehmen, der dem Selbstverständnis einer innovativen Branche gerecht wird.

Die konkreten Forderungen

BUND UND LÄNDER

  • Die ausgezahlten Soforthilfen für Soloselbständige müssen auch für Lebenshaltungskosten verwendet werden dürfen
  • Unbürokratische Hilfe für Alleinerziehende abseits der Hartz 4 / Grundsicherung: Soforthilfe für kulturschaffende alleinerziehende Soloselbständige und kurzfristig Beschäftigte für die Einkommensausfälle und Lebenshaltungskosten, die unbürokratisch vergeben wird.
  • Bedingungsloses Grundeinkommen statt Grundsicherung: Soloselbstständige sollen bei den Hilfen mit den Angestellten, die Kurzarbeitergeld beziehen, gleichgestellt werden. Soloselbstständige sollen Anspruch auf ein bedingungsloses Grundeinkommen haben.
  • Kulturinfrastrukturfonds mit Gender Budgeting: Der Kulturinfrastruktur Fonds, den Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit dem Finanzminister Olaf Scholz momentan verhandelt, muss die Belange der Gleichstellung berücksichtigen und bei der Vergabe der Gelder einem Gender Budgeting unterliegen.
  • Novellierung des Filmförderungsgesetzes: Der begonnene demokratische Prozess darf durch die Krise nicht unter den Tisch fallen. Gleichstellungspolitische Ziele sind drängender denn je umzusetzen. Das Punktesystem nach österreichischem Vorbild und ein Sitz im Verwaltungsrat für Pro Quote Film müssen im Gesetz aufgenommen werden.
  • Hilfsprogramme der Bundes- und Länderförderer: Es müssen die Belange der Gleichstellung berücksichtigt werden und die Vergabe der Gelder einem Gender Budgeting unterliegen.

 

SENDER

Akuthilfen:

  • Sender müssen Solidarität zeigen und Soloselbständige und kurzfristig Beschäftige in der Krise mit einem Rettungsschirm unterstützen
  • Trotz Buy Out Verträgen während der Krise Wiederholungshonorare zahlen
  • Die Mehrkosten für Schutzmaßnahmen während der Dreharbeiten dürfen nicht allein auf die Produktionsfirmen abgewälzt werden 


Altersdiskriminierung verhindern:

  • Ältere Teammitglieder und Schauspieler*innen dürfen nicht das Nachsehen haben. Es müssen genügend Tests zur Verfügung gestellt werden, damit sie weiter drehen können.
  • Rollen für Ältere dürfen nicht aus den Geschichten herausgeschrieben werden.


Sprache verändert Denken und Expertinnen beziehen andere Blickwinkel ein:

  • „Krankenschwestern und Ärzte“ retten die Welt. In der Sprache der Sender wird ein Bild der Rollenverteilung aus den 50ziger Jahren des letzten Jahrhunderts transportiert. Die Sprache in der Berichterstattung muss endlich zeitgemäß sein und gegendert werden.
  • Expertinnen müssen in der Berichterstattung und den Talk-Formaten sichtbar werden, damit uns nicht länger allein die Männer die Welt erklären.


Ohne Zahlen kein Veränderungsprozess:
Ein öffentliches Gender Monitoring wurde von ARD und ZDF schon vor Jahren versprochen, bis heute wurde diese Zusage nicht eingelöst. Dringender denn je muss ein Gender Monitoring eingeführt werden, welches die verschiedenen Gewerke ausweist. 

Gerechtigkeit ist kein Gefallen, der Frauen getan wird:
Endlich verbindliche Quoten bei der Vergabe von Aufträgen für Drehbuch, Produktion und Regie.  

Vielfalt und den kulturellen Reichtum der offenen und modernen Gesellschaft abbilden:
Diversitätsstandards und intersektionales Denken und Handeln einführen, damit marginalisierte Gruppen und ihre Perspektiven auf dem Bildschirm sichtbar werden. 

DEUTSCHER KULTURRAT

Der Deutsche Kulturrat muss Gleichstellung und Diversität endlich auf dem Schirm haben:
Der Deutsche Kulturrat muss bei allen Forderungen und vorgeschlagenen Maßnahmen die Ergebnisse der Studie „Frauen und Kultur“ einbeziehen und konkrete Vorschläge machen, wie die Chancenungleichheit für Frauen und der Gender Pay Gap abgeschafft werden.

Quelle: Pro Quote Film

Mehr Infos:

Pro Quote Film

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