»Osja«

Irina Rubina

Wie kann Poesie in Opposition zu einem Regime stehen? Wie kann sie sich gegen ein Regime richten, das aus großen Idealen geboren wurde, aber zu rigiden Strukturen verkommen ist, die von Machtgier getrieben sind und Menschenleben zerstören und auslöschen? »Osja« ist die Kurzform des Vornamens von Ossip Mandelstam und der Titel unserer animierten Annäherung an das tragische Leben des Dichters, verwoben mit fragmentierten, von seiner Poesie inspirierten Bildern und Tönen. Dieser Kurzfilm lädt zu einer abstrakten Reise ein: eine sinnliche und assoziative Erfahrung durch die Linse der Vergangenheit.

Text: IRINA RUBINA irarufilms.com

OSSIP MANDELSTAM war ein russisch-jüdischer Dichter. Eine Herkunft, die ich mit ihm teile, auch wenn es heute etwas anderes bedeutet als zu seinen Lebzeiten. Sein künstlerisches Schaffen und sein rebellischer Geist, der in einem Gedicht kulminierte, das als direkter Angriff auf Stalin aufgefasst wurde, brachten ihn in den Zeiten des Großen Terrors in die Anonymität eines Massengrabs.

Im Film tauchen wir mit unserem Protogonisten ein in eine neue Ideologie voller Hoffnungen und großer Ideen der Revolution. Sie verändert die Welt, zeigt aber auch sofort ihre Kehrseite. Osja beginnt als Beobachter: Welche Seite dieser neuen Kraft ist stärker: die kreative oder die destruktive? Auch Nadja erkennt die Gefahr. Beide versuchen sich der Heuchelei des Systems zu widersetzen.

Nadja ist in der Realität verankert. NADESCHDA MANDELSTAM, Ossips Ehefrau, hat seine Gedichte über Jahrzehnte hinweg im Gedächtnis getragen, um im Westen schließlich ihr erstmaliges Erscheinen möglich zu machen. Außerdem hat sie in ihrer scharfsinnigen Autobiografie nicht nur ihrer beider Leben dokumentiert, sondern auch eine präzise Analyse der damaligen Gesellschaft und des Homo Sovieticus vorgelegt.

Die erste Entwicklungsphase des Films wurde durch das Promotionsstipendium des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks ermöglicht. Es entstand das Konzept, der Teaser und eine erste grobe Struktur von »Osja«. Damit wurde ich Anfang 2020 zum internationalen Pitch Euro Connection im Rahmen des Kurzfilmfestivals in Clermont-Ferrand eingeladen und hatte so noch in den letzten Tagen vor der Corona-Pandemie die Möglichkeit, das Projekt einem Fachpublikum vorzustellen und mich mit Filmkolleg*innen aus aller Welt auszutauschen.

Hiernach wurde »Osja« für das Entwicklungslabor AniDox Lab ausgewählt – eine internationale Plattform für Filmschaffende aus den Bereichen Animation und Dokumentarfilm. Das Lab fand 2020 komplett digital statt, dennoch konnten der Film und ich davon profitieren. So kam die Entschleunigung durch die Pandemie dem Projekt zugute und bot die Gelegenheit, die dramaturgische Struktur und das Drehbuch auszuarbeiten und zu verfeinern.

Im Moment befinden wir uns in der ersten Phase der Animation: Bild für Bild wird auf Grafiktablets animiert. In der zweiten Phase werden diese dann mit Akrylfarben, Wasserfarben und Stiften analog auf Papier nachgemalt und anschließend wiederum digitalisiert.

Für die Gestaltung der visuellen Welt hatte ich das Glück, die Animatorin und Illustratorin SOFIIA MELNYK als wichtigste Wegbegleiterin zu gewinnen. Mit ihrer künstlerischen Handschrift hat sie den Charakteren eine Einzigartigkeit verliehen und zudem das Design des Filmes erheblich mitgestaltet.

Neben der zentralen visuellen Gestaltung hat der Film eine bedeutende musikalische Komponente. Dafür kooperieren wir mit dem Stuttgarter Ensemble Ascolta und der Komponistin ELNAZ SEYEDI. Bessere Partner*innen für das Zusammenspiel von Animation und Musik hätte ich mir nicht vorstellen können: Schon vor Jahren war ich begeistert von ihrer Reihe neuer zeitgenössischer Kompositionen zu frühen Avantgardefilmen und freue mich nun besonders über diese Zusammenarbeit.

Das Tonkonzept, insbesondere die außergewöhnliche Montage des eingesprochenen Gedichtes »Man gab mir einen Körper …« entstand in einer relativ frühen Entwicklungsphase in Zusammenarbeit mit dem Sound Designer und Geräuschemacher LUIS SCHÖFFEND (Neckarstudios).

2021 begehen Liebhaber*innen des Werkes von OSSIP MANDELSTAM den 130. Geburtstag des Autors. Auch wenn wir den Film erst 2022 fertigstellen werden, möchte ich das aktuelle Jahr seinem Werk und Leben widmen.

How can poetry be in opposition to a regime? How can it be directed against a regime born out of degenerated rigid structures, driven by the lust for power and destroying and annihilating human life? “Osja”, short for Ossip Mandelstam’s first name, is the title of our animated approach to the poet’s tragic life, interwoven with fragmented images and sounds inspired by his poetry. This short film invites us on an abstract trip: a sensual and associative experience through the lens of the past.

Text: IRINA RUBINA WWW.IRARUFILMS.COM

Ossip Mandelstam was a Russian-Jewish poet. His artistic work and rebellious spirit, culminating in a poem considered a direct attack on Stalin, took him to the anonymity of a mass grave during the Great Terror.
In the film, we delve into a new ideology with our prota gonist – full of hope and great ideas of the revolution. It changes the world yet quickly reveals its downside, too. Osja begins as an observer: which side of this new power proves stronger: the creative or the destructive one? Nadja, too, recognizes the danger. Both try to defy the hypocrisy of the system.

Nadja is firmly rooted in reality. Over decades, Nadezhda Mandelshtam, Ossip’s wife, had carried his poems in her memory to be published in the West for the first time. She also produced a record of both their lives in her sharp-witted biography and with it presented a precise analysis of both the society at the time and the Homo Sovieticus.

The film’s first stage of development was made possible through a promotional scholarship by the Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk. The first draft, the teaser, and the initial rough structure of “Osja” were created. With this, I was invited to the international pitch “Euro Connection” at the short film festival in Clermont-Ferrand in 2020, which allowed me to present the project to an expert audience and talk about it with film colleagues from all over the world during the last days before the corona pandemic hit.

Then, “Osja” was selected for the development laboratory AniDox Lab – an international platform for film professionals from the fields of animation and documentary film. The Lab took place in digital form, but in this case, it turned out beneficial for both me and the film. Slowing down because of the pandemic was suitable for the project and offered an opportunity to work out and refine the dramaturgical structure and the script.
At the moment, we are in the first stage of animation: image by image on graphic tablets. These are then copied analogously on paper with acrylic watercolors and subsequently digitalized.

I was lucky to get the animator and illustrator SOFIIA MELNYK as my most crucial associate to create the visual world. With her artistic handwriting, she applied uniqueness to the characters and added a lot to the film’s design in general. In addition to the fundamental visual design, the film has an essential musical component. For this, we cooperated with the Stuttgart-based ENSEMBLE ASCOLTA and composer ELNAZ SEYEDI. The concept for the soundtrack was created in cooperation with the sound designer and foley artist LUIS SCHÖFFEND (Neckarstudios). In 2021, enthusiasts of Ossip Mandelstam’s work are celebrating the author’s 130th anniversary. We will complete the film in 2022, I am happy to dedicate the current year to his work and life.

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