»Polterjahre«

Andreas Köller

Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern haben sich vor 70 Jahren zusammengerauft. Für die Badener war es eher eine Zwangsheirat, gegen die sie sich mit allen Mitteln wehrten. Deswegen dauerte der Polterabend vor der eigentlichen Hochzeit auch mehrere Jahre, in denen sich alle Beteiligten mit großer Raffinesse gegenseitig ausgetrickst haben. Und während die Männer »große« Politik machten, haben sich die Frauen darum gekümmert, dass das Leben weitergeht. EIKON Media Stuttgart produziert gemeinsam mit dem SWR das Doku-Drama »Polterjahre« (AT) über die Gründungsjahre des Landes Baden-Württemberg.

Text: CHRISTIAN DREWING WWW.EIKON-FILM.DE

Den Auftakt zum Projekt gab zum einen ein Gespräch mit NORBERT BAREIS, SWR-Redakteur und Kenner der Landesgeschichte, über die Frage, warum das unglaublich interessante Kapitel der Entstehung des Bundeslandes Baden-Württemberg noch nicht filmisch beleuchtet worden ist. SWR-Redakteurin UTE GEIß gab zudem die Anregung, sich bei der Befassung mit der Landesgeschichte zu fragen, warum Geschichte immer von Männern handelt, aber meist die Menschen vergessen werden, die damals den Alltag meisterten: nämlich die Frauen. Steigt man ein in die Zeit zwischen 1948 und 1951, wird deutlich – auch wenn Landesgeschichte nicht im Fokus des eigenen Interesses steht – wie reich, spannend und unterhaltsam das damalige Geschehen war.

 

Bei den Recherchearbeiten zeigte sich, dass die jüngere Generation nach wie vor spürt, dass sich Schwaben und Badener nicht immer grün sind, aber warum das so ist, weiß kaum jemand.

 

Mit ANDREAS KÖLLER kam ein Stuttgarter Autor und Regisseur an Bord, der sich nicht nur sofort für den Stoff begeisterte, sondern passend zum Stoff auch noch den Freiburger Kameramann TILL BECKERT mitbrachte. Bei den Recherchearbeiten zeigte sich, dass die jüngere Generation nach wie vor spürt, dass sich Schwaben und Badener nicht immer grün sind, aber warum das so ist, weiß kaum jemand. Ziel war fortan, diese Wissenslücke zu schließen – und das auf historisch korrekte und dabei nicht weniger witzige und unterhaltsame Weise.

Die ursprüngliche Idee, einen Dokumentarfilm mit Spielfilmszenen zu realisieren, festigte sich, sodass ANDREAS KÖLLER ein Drehbuch für eine Dokufiktion vorlegte. Im März 2021 wurde der Film mit hohem Aufwand gedreht mit CHRISTIAN PÄTZOLD als Ministerpräsident Reinhold Maier (Württemberg-Baden 1945–52), RICHARD SAMMEL als Staatspräsident Gebhard Müller (Württemberg-Hohenzollern 1948–52) und STEFAN PREISS in der Rolle des Staatspräsidenten Leo Joseph Wohleb (Baden 1947–52). IRENE RINDJE und LAURA SCHWICKERATH sind als Redakteurinnen des Frauenfunks in Stuttgart zu sehen. Die Hauptdrehorte an historischen Schauplätzen sind das Kloster Bebenhausen, die historische Weinstube Forelle in Tübingen und die Villa Gemmingen in Stuttgart. Zudem schufen die Szenenbildnerinnen TINA ANDRIC und STEPHANIE STRECKER aus einer alten Schmiede in Stuttgart-Ost ein historisches Radio-Funkstudio. Dort versuchen die beiden Redakteurinnen so gut wie möglich selbst mit der Nachkriegssituation klar zu kommen und entwickeln Sendungen und Beiträge, um den Hörerinnen mit nützlichen und praktischen Ratschlägen das Leben zu erleichtern.

 

Erst nachdem Interviews und Archivaufnahmen in eine Timeline gebracht waren, wurde das finale Drehbuch geschrieben.

 

Eine Herausforderung für das Produktionsteam war die Mischung aus Spielfilmszenen, Interviews und Archivaufnahmen. CHRISTIAN DREWING und HELENE FRIEDL von EIKON Media Stuttgart haben reichlich Erfahrung in den jeweiligen Genres. Die Gelegenheit, eine qualitativ hochwertige Mischform aus Fiktionalem und Dokumentarischem zu produzieren, bietet sich allerdings nicht alle Tage und ist nach wie vor die große Ausnahme. Parallel zum Dokudreh wurde Ende 2020 mit dem Schnitt begonnen. Erst nachdem Interviews und Archivaufnahmen in eine Timeline gebracht waren, wurde das finale Drehbuch geschrieben. Mitten im Corona-Chaos finalisierte man so einige Szenen erst kurz vor Drehbeginn, damit die drei Ebenen Dokumentarfilm, Archivmaterial und Spielszenen möglichst gut aufeinander abgestimmt werden konnten.

Nicht nur das Thema des Films, so gut wie alle Teammitglieder und Dienstleister stammen aus Baden-Württemberg. Derzeit befindet sich das Filmmaterial in der Postproduktion. In den nächsten Wochen finden Komposition, Mischung und Farbkorrektur in Stuttgart und Umgebung statt.

 

Am 25. April 2022 wird Baden-Württemberg 70 Jahre alt.


Ursprünglich war geplant, den Film mit einer mobilen Wanderausstellung auf Kinotour zu schicken. Wohin die Auswertungsreise nun gehen wird, ist noch offen. Was aber bereits heute mit Sicherheit gesagt werden kann: Am 25. April 2022 wird Baden-Württemberg 70 Jahre alt. Inmitten eines politischen Chaos’, im täglichen Überlebenskampf der Menschen in der Nachkriegszeit und im wirtschaftlichen Stillstand wurden Weichen für die Zukunft gestellt, die sich – aller widrigen Umstände zum Trotz – tatsächlich als goldrichtig erwiesen haben.

Baden, Württemberg-Baden and Württemberg-Hohenzollern eventually pulled together 70 years ago. For the natives of Baden, it was more of a forced marriage which they strongly objected to. This is why the eve-of- the-wedding party (German: “Polterabend”) prior to the actual wedding lasted several years in which all the parties involved outwitted one another with great finesse. And while the men were making big politics, women took care of the everyday business.

Text: CHRISTIAN DREWING WWW.EIKON-FILM.DE

It all started during a talk with NORBERT BAREIS, editor at the SWR and expert on regional history, with the question of why there had never been a film-related spotlight on the interesting chapter of the Federal Land’s origins so far. And, as SWR editor UTE GEIß pointed out: when exploring the regional history, why is it always just men who appear in the records while those who took care of the everyday business, i.e. women, are mostly forgotten? If you look at the time between 1948 and 1951, it is instantly apparent how rich, exciting and entertaining everything was back then. The docufiction aims at recounting this part of the South-West’s history in a historically correct yet nonethe- less funny and entertaining way.

ANDREAS KÖLLER presented his script for a docufiction, and the film was shot with great effort in March 2021. CHRISTIAN PÄTZOLD, RICHARD SAMMEL and STEFAN PREISS play the parts of Minister President Reinhold Maier (Württemberg-Baden 1945–52), Presidents Gebhard Müller (Württemberg-Hohenzollern 1948–52), and Leo Joseph Wohleb (Baden 1947–52). IRENE RINDJE and LAURA SCHWICKERATH took the roles of two editors at the Stuttgart-based Frauenfunk (“Women’s Broadcasting Service”). The main shooting locations were sites such as the Bebenhausen Abbey, the historic wine tavern Forelle in Tübingen, and Villa Gemmingen in Stuttgart. Additionally, the set designers TINA ANDRIC and STEPHANIE STRECKER created a historic radio broadcasting station as the workplace of the two editors in an old blacksmith’s shop in Stuttgart.

The challenge for the production team was to generate a high-quality hybrid of fiction and documentary from real film scenes, interviews, and archive material. The editing process began at the end of 2020, parallel to the documentary shooting. The final script was written only after interviews and archive shots had been worked into the timeline. Several of the scenes were finalized in the middle of the corona chaos right before the shooting started. In this way, they could coordinate the three levels of documen- tary, archive material, and scenes with actors in the best possible way.
Not only the film's topic but almost everyone of the team and the service providers hail from Baden-Württemberg. The film material is currently in post-production. In process during the next weeks are the composition, mixing and color correction in Stuttgart and the surrounding area.

On April 25 in 2022, Baden-Württemberg will celebrate its 70th anniversary. Back then, amidst political chaos, in the people’s daily fight for survival after the war and during an economic shutdown, the course for the future was set, and it proved just right.

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